Wie
wäre es ohne Hund?
19.05.2002
- Mir
ginge es blendend, zweifellos, und ich würde gesünder leben, zum
Beispiel ohne Haare in der Luftröhre.
- Mein
liebevoll angebauter, ökologischer Kräutergarten wäre ohne Maschendraht
bequemer zugänglich.
- Ich
würde umweltfreundlich dastehen, könnte kompostieren, kein Hund würde
jemals wieder mein verschimmeltes Brot fressen.
- Keine
gottverlassenen Stängel mehr im Garten, meine Blumen hätten Köpfe.
- Keine
elenden Schrumpfsträucher mehr, sie dürften leben und wachsen.
- Ich
hätte einen Wimbledon-Rasen, saftig grün, wohl geformt und ohne
Tretminen.
- Nie
wieder muss ich mir den Fuß verstauchen, weil ich in kein Loch mehr
falle.
- Mein
brütendes Taubenpärchen wäre mit Sicherheit nicht ausgewandert.
- Ich
hätte Besuch, viel Besuch, und alle würden wieder bei mir essen.
- Oh
ja, eine Schwiegermutter ohne Herpes, sie würde kein Haar mehr in der
Suppe finden.
- Meine
Zimmerpflanzen würden keinem Mord zum Opfer fallen.
- Der
Teppich hätte Fransen.
- Ich
könnte viel Strom sparen ohne diesen Hochleistungssauger.
- Durch
die Terrassenglastür könnte man hindurchsehen.
- Ich
dürfte den Frühstückstisch verlassen, egal wie lange, und später wäre
noch alles da.
- Die
Steaks würde ich genießen ohne penetranten: „ Gib-mir-die-Hälfte-ab-Blick“.
- Ein
Abfalleimer ohne Vorhängeschloss, ein toller Gedanke!
- Nie
wieder müsste ich mir die Zahlenkombination meines Vorratschrankes
merken.
- Ich
wäre stinkend reich, keine Hundesteuer, keine Tierarztkosten, kein
Hundefutter, kein Sockenabonnement.
- Am
Wochenende dürfte ich ausschlafen, hätte mein Bett für mich alleine und
keine kalte Schnauze im Genick.
- Ich
würde in angemessener Weise lesen dürfen; keine speichelverklebten
Harry-Potter–Seiten mehr.
- Ich
würde bei Platschregen hämisch grinsend hinter der Gardine stehen, wenn
die anderen ihre Tölen ausführen.
- Grenzenlos
könnte ich die Natur genießen und ganze Karnickelherden dürften an mir
vorbeijoggen.
- Meine
Spaziergänge wären stressfrei, ich müsste mir nicht die Lunge aus dem
Hals brüllen, wenn läufige Hündinnen unterwegs sind.
- Mein
Hals-Nasen-Ohren-Doktor wäre arbeitslos, nie wieder bekäme ich eine
Stimmbandreizung.
- Ich
könnte weg bleiben, Tage, Wochen, Monate.
- Ein
artgerechter Urlaub im 7-Sterne-Hotel wäre kein Traum.
- Mein
Auto wäre ein sauberes Auto.
- Endlich
dürfte ich den netten Postboten auf eine Tasse Kaffee bitten.
- Ich
wäre auch zu Hause gut gekleidet; meine Ballonstoff-Trachten gingen in
die Dritte Welt.
- Ich
würde Boden- und Brillenputztücher sparen.
- Ich
hätte Platz in den Schränken, viel Platz, dort wären nicht tonnenweise
Hundefotos gelagert.
- Nie
wieder würden Hundepfoten die Tastatur meines Computers bedienen und die
Arbeit von Tagen löschen.
- Der
Katzenzüchter von gegenüber würde wieder freundlich mit mir reden, und
- der
Geflügelfetischist zur linken ginge mir nicht mehr aus dem Weg.
Ja,
ja, so ein hundeloses Leben hätte wirklich was für sich, doch andererseits,
- wer
freut sich dann so ausgelassen, wenn ich nach Hause komme?
- Wer
will ständig bei mir sein?
- Wer
lässt sich so unendlich lange von mir streicheln?
-
Wem
kann ich Dinge anvertrauen, ohne dass sie weitergereicht werden?
- Um
wen muss ich mich sorgen wie um ein Kind?
- Wer
ist so unermesslich treu?
- Was
wäre, wenn es ihn eines Tages nicht mehr gibt?
Es
wäre verdammt einsam im Haus!



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Brigitte Pick 2002