Magendrehung
Reiner Pick
März 1998

Nicht neu, aber immer wieder aktuell

1. Früherkennung
Im Mai 1997 hatte unser Andros eine Magendrehung, das Röntgenbild zeigte eine Aufblähung des Magens auf die Größe eines Fußballes. Da unser Tierarzt nachts um 200 Uhr das für eine Operation erforderliche Personal nicht schnell genug erreichen konnte, fuhren wir in eine 25 km entfernte Tierklinik. Inzwischen waren bereits 50 Minuten vergangen. Zum Glück hatte sich der Magen aber von alleine entweder bei der ersten Röntgenuntersuchung oder während der Fahrt zurückgedreht. Eine zweite Röntgenaufnahme zeigte, dass sich die Aufblähung des Magens auf die Größe einer Grapefruit reduziert hatte, die Magenfalte war kaum noch erkennbar, er musste nicht operiert werden. Die Anzeichen für die Magendrehung waren der Reihe nach:
 
 
Bei einer Magendrehung muss der Hund spätestens nach 45 Minuten,
besser nach 30 Minuten auf dem OP-Tisch liegen!
 
Nach dieser Zeit können abgeschnürte Teile des Magens bereits absterben, der Hund ist dann nicht mehr zu retten.
 
Zwei Monate später hatte er wiederum nachts mit den gleichen Anzeichen die zweite Magendrehung. Wir informierten sofort die Tierklinik, 25 Minuten nach den ersten Anzeichen lag Andros auf dem Operationstisch: Der Magen hatte sich dieses Mal so weit gedreht, dass er sich nicht mehr von selbst zurückgedreht hätte. Am Mageneingang zeigte sich außerdem eine Verwachsung, die operativ entfernt wurde. Der Magen wurde an den Rippen fixiert. Vier Tage später hatten wir Andros zurück. Man sagte uns, dass sich die Fixierung nach einem halben bis einem Jahr wieder lösen kann. Die Fixierung war an den Rippenbögen fühlbar und bereitete Andros beim Niederlegen anscheinlich Schmerzen, was er mit einem für ihn ungewohnten tiefen Grummeln quittierte. Nach etwa fünf Monaten schien sich die Fixierung gelöst zu haben, sie war nicht mehr fühlbar, Andros war wieder der Alte.
 
Im September 1997 der nächste Schreck: Gleiche Anzeichen bei Aszia, etwa eine halbe Stunde später lag sie auf dem OP-Tisch bei unserem Tierarzt, eineinhalb Stunden später war sie operiert, wiederum eine halbe Stunde später konnte ich sie mit nach Hause nehmen. Der Magen hatte sich um 180° gedreht – bei der OP zeigte sich, dass Aszia einen abnormal großen Magen hatte, und dass nach Aussage unseres Tierarztes eine Magendrehung jederzeit wieder auftreten könne. Auch Aszias Magen wurde fixiert. Aszia hat die OP weit besser und schneller überstanden als Andros. Das mag daran liegen, dass sie sofort nach der OP wieder in ihrer vertrauten Umgebung war.
 
Die Ursachen für eine Magendrehung sind bis heute trotz vieler, teils abenteuerlicher Theorien ungeklärt. In Andros’s Fall waren beide Male für ihn starke Aufregungen vor-ausgegangen: Beim ersten Mal hatte am Tage zuvor ein Welpentreffen seines bis dato letzten Wurfes bei uns stattgefunden, dem zweiten Male war die erste Hitze unserer jungen Hündin vorausgegangen. Die Aufregungen können, müssen aber nicht die Ursache für seine Magendrehungen gewesen sein. Trotzdem hielten wir Andros danach möglichst von  allen Aufregungen fern. Aszias Magen- drehung war eine leichte Magenverstimmung vorausgegangen. Außerdem litt sie seit Jahren an starken Blähungen, die sich, nachdem wir PETZYM®-Pulver verabreicht hatten, in beneidenswerter Weise gelöst haben: Besser in der weiten Welt als im engen Bauch!

2. Nachbehandlung
Die Magendrehungen konnten glücklicherweise, da rechtzeitig erkannt, noch operativ behandelt werden. Unser Rüde und unsere Hündin  hatten die Magendrehung jeweils im Alter von 7 Jahren (Mai bzw. September 1997). Beide Hunde sind ohne weitere Probleme knapp 11 Jahre alt geworden. Nachfolgend ist der Umgang mit unseren Hunden nach der OP beschrieben.

2.1 Fütterung
Die Fütterung wurde ähnlich einer Diät nach Magen- oder Darmoperationen beim Menschen gehandhabt:
 
      1. Tag: Bis zu 24 Stunden nach der  OP keine Fütterung
      2. + 3. Tag: Haferflockenbrei ohne Zucker, darauf achten, dass viel Flüssigkeit aufgenommen wird
      4. Tag: 3 Mal Haferflockenbrei, 2 Mal Hühnchenfleisch mit Reis im Wechsel
      5. Tag: 3 Mal Hühnchenfleisch mit Reis, 2 Mal Haferflockenbrei im Wechsel
      6. Tag: Im Schlagwerk gemahlenes Trockenfutter 5 Minuten eingeweicht, Wasserzusatz, bis Brei entsteht
      ab 10. Tag:

Trockenfutter gemahlen und eingeweicht, jedoch nach und nach das gewohnte Futter zugeben, bis nach 3 Wochen die normale Futtergabe erreicht ist


Andros war 4 Tage in der Klinik und wurde dort venös ernährt.

2.2 Fütterungszyklus
In den ersten 3 Wochen nach der OP:  5 Mal täglich
in der vierten Woche: 4 Mal täglich
in der fünften Woche: 3 Mal täglich
ab der sechsten Woche: 

2 Mal täglich

 
Zusätzlich haben wir den Magen unserer Hunde in den ersten 5 Wochen nach jeder Fütterung leicht massiert mit Druck auf dem Mittelfinger, und zwar jeweils 1¼ Um­drehungen von 1200 Uhr nach 1215 Uhr, bis ein Bäuerchen kam. Fragen Sie mich nicht, ob auch mit 1 oder 1½ Um- drehungen oder gar ohne Massage eine weitere Magendrehung vermieden worden wäre – in einer derartigen Situation klammert man sich an jeden Strohhalm.
Die letzte Fütterung erfolgt um ca. 1900 Uhr, da dann das Futter bis zum Einschlafen des Hundes zum größten Teil verdaut ist und nicht während des Schlafens gären und aufblähen kann. Die meisten Magendrehungen entstehen nachts. Bis zum Zeitpunkt der ersten Magendrehung erhielten unsere Hunde ihre letzte Futtergabe auf Rat unmittelbar vor der Nachtruhe, um Toben mit vollem Magen zu vermeiden.

2.3 Fütterung heute
Heute ernähren wir unsere Hunde 2 Mal täglich kombiniert, und zwar um 700 Uhr und um 1900 Uhr:
       Trockenfutter*
       frisches Gemüse
       kleingeschnittener Salat
       Frischfleisch
       Nudeln
       Reis
 
*Trockenfutter, das beim Einweichen nicht aufquillt. So haben wir Proben der verschiedensten Hersteller in Wasser gelegt und schließlich das Futter gewählt, das auch nach 3 Stunden noch nicht aufgequollen, sondern in kleine Partikel ähnlich einem Suppenwürfel zerfallen war – die meisten Futterbröckchen quollen auf das Zwei- bis Dreifache ihres Trockenvolumens auf.

2.4 Allgemein
Wenn unsere Hunde angespannt waren, was sich durch starkes Sabbern zeigte, oder Blähungen hatten, haben wir sie sofort wieder wie oben beschrieben so lange mas­siert, bis sie völlig entspannt waren. Wichtig war unserer Meinung auch, die Hunde von allen Stresssituationen fernzu­halten, die von Hund zu Hund unterschiedlich sein können. So hat Andros zum Beispiel keine Ausstellung mehr besucht. Beide Hunde haben wir von fremden Rudeln ferngehalten. Außerdem haben wir versucht, durch ausgedehnte Spaziergänge nach der Futteraufnahme (nicht durch Toben) die Muskulatur unserer Hunde weiter aufzubauen und deren Bindegewebe zu festigen.
Ich weiß nicht, ob unser für manchen ziemlich aufwändig erscheinendes Vorgehen wissenschaftlich zu begründen ist, jedoch hat uns der Erfolg recht gegeben – beide Hunde hatten keine weitere Magendrehung. Vielleicht hilft jedoch dieser Bericht in Erinnerung der oben beschriebenen Anzeichen dem einen oder anderen Leser seinen Hund zu retten.
 
Da sich Magendrehungen meist in der Nacht ereignen, wird mancher Tiermediziner versuchen, die Anzeichen zu verniedlichen und die Behandlung auf den nächsten Tag zu schieben. Ein Tierarzt wird Sie umgehend und ohne Diskussion zu sich zitieren oder an eine Tierklinik verweisen, wenn er selbst nicht für eine eventuelle OP ausgerüstet ist oder das erforderliche Personal nicht schnell genug erreichen kann.
 
Lassen Sie sich nicht abwimmeln! Sollte sich Ihr Verdacht als nichtig erweisen, umso besser, entschuldigen können Sie sich immer noch. Außerdem wird auch dieser Einsatz von Ihnen bezahlt – einschließlich Nachtzuschlag.