Eine Ladung „Uso“ gefällig?

13. Juli 2001  

Irgendwann im Frühling 2000 stieß „Di Niscima” Massimo-Caruso zur Verstärkung der Ladbergener Dorfhundelobby als Neuling hinzu. Sein Domizil liegt fünf Häuser weit von uns entfernt. Die Oma lebt mit im Haus, die Kinder, erwachsen, sind aus dem Haus, und so kam man zu dem Vierbeiner.

Ich erinnere mich häufig und gern an das süße, knuddelige, antrazithfarbene Hunde­baby von damals. Wohl gemerkt, von damals, denn jedes Mal, wenn ich das Hundchen längere Zeit nicht gesehen hatte, staunte ich beim Anblick des daraus mutierenden Kalbes nicht schlecht. Selbstverständlich weiß ich, dass ein Mastino Napoletano im Vergleich zu einem Kuvasz etwas geräumiger ist, aber doch nicht so.

Ich traf Caruso - Rufname „Uso“- mit seinen Leuten Anfang Dezember auf der Straße, heftig diskutierend: „Nu mach doch mal hopp Schatz“, wieder. Man wollte in den Winterurlaub; das Auto war komplett beladen, der Gepäckträger auf dem Dach, Oma saß geduldig im Fond - nur der Dickschädel musste noch rein.  

90 unbeugsame Kilo standen teilnahmslos vor dem Hintereingang des Volvos und verweigerten - trotz Decken mit Pfötchenmotiv - den Eintritt. Bestechungsversuche wie: Leckerli ins Auto werfen, ferner das Versprechen „du darfst heut Nacht bei Papa schlafen“, schlugen fehl.

Wieso? Ganz einfach, man hatte ihn als Welpen und auch später immer auf dem Rück­sitz chauffiert, folglich befahl ihm seine Hundelogik zu Recht, jetzt Widerstand zu leisten.

Plötzlich hörte ich, wie Oma ungeduldig gegen die Scheibe klopfte, keiner reagierte, also kurbelte sie diese runter. Wow, augenblicklich floss Leben in die italienische Skulptur; sie flog um das Auto, Frauchen als Fähnchen hinterher und eine schier verzweifelte Großmutter versuchte das Fenster wieder zu schließen. Zu spät, die Kurbel versagte unter der Masse. „Tu den Hund weg“, zeterte sie, „Herbert, nu tu doch was“. „Uso“ hingegen geriet in eine Art Freudentaumel über Omis Anblick und schenkte ihr angesichts dessen bei jedem Wuff eine Ladung Sabber.

Binnen „nur“ 5 Minuten hatte man ihn wieder „im Griff“ und stand erneut in Startposition.

Ein freundliches Angebot kam vom Nachbarn gegenüber: „Willste meinen Pfer­dehänger?“ „Nein danke“ lautete die Antwort.

Eine Illusion entstand. Frauchen schlich unbemerkt seitlich in den Wagen, schob sich lautlos auf den feuchten Rücksitz und angelte die mächtige Leine durch das Gitter. Sie zog mit aller Kraft, ihr Mann schob von hinten, doch der Panzerschrank auf Pfoten rührte sich keinen Zentimeter.

Die Zuschauermenge war unterdessen gewachsen und dumme Sprüche fielen wie: „Spann ihn vors Auto, dann haste Sprit gespart“, oder „Warte, ich hol schnell die Kamera“.  Das war der Punkt, wo mir die Besitzer anfingen leid zu tun.

Zum Überfluss fing Oma jetzt noch das Schimpfen an: „Das ist Eure Erziehung, bei den Kindern hat's auch nicht geklappt,“ darüber hinaus drohte sie mit: „Am besten ich steig aus und bleib zu Hause.“ - Ein Hauch von Begeisterung strich über Herrchens Gesicht, war das ernst zu nehmen? Nein, doch nicht, schade und so griff man erneut in die Trickkiste. Uso“ liebt Frikadellen halb und halb und Herbert machte sich auf deren Suche durch die Proviantbox. Erfolgreich! Im hohen Bogen sauste das Gehackte durch die Luft, steuerte Richtung Kofferraum, schoss exzellent durch das Hundegitter, verpasste die alte Dame nur knapp und setzte glücklicherweise noch vor dem Airbag zur Landung an. 

„10 Mark, dass die es nicht schaffen“ lautete die erste Wette eines Zockers.

Aber man gab nicht auf. „Wer Hunde hält, wird zwangsläufig erfinderisch“, wusste ich und es kam zum Höhepunkt der Veranstaltung.

Frauchen kletterte auf die Ladefläche und der Hund schwanzwedelnd hinterher. Na bitte, es ging doch! Im Bruchteil einer Sekunde war die Kofferraumklappe zu. Puh, geschafft und Standing Ovation der Nachbarn.

Die Euphorie brach ab, als man Frauchen gereizt hinter der Heckscheibe unter Uso entdeckte. „Fahr los“, hänselte der Schwager, „du Feigling, fahr los.“

Auf Grund der hohen Scheidungskosten ignorierte Herbert diesen Vorschlag, öffnete die Klappe einen winzigen Spalt und gab zischend das Kommando: „Schnell!“ Der Hund gehorchte, seine Frau ein wenig später, die Platzwunde an Herrchens Kinn wurde nicht behandelt.  

Zu meinem Bedauern musste ich los und konnte dieses Szenario nicht weiterverfolgen, aber mein Rückweg führte mich, „rein zufällig“, am Ort des Geschehens noch einmal vorbei. Das Auto war tatsächlich weg.

Zwanghaft neugierig klingelte ich an der Haustür des Schwagers, der mir laut lachend öffnete und feixend den Schlussakt schilderte.

Der Italiener hatte gesiegt, die Oma durfte vorne reisen. „Na prima, dann ist ja noch mal alles gut gegangen“, sagte ich, ohne mir ein hämisches Grinsen zu verkneifen.

Jedoch Frauchens „Fahrtschicksal“ und die spöttischen Blicke der Nachbarn vor Augen nahm ich mir vor, mein Auto zukünftig in der Garage zu packen - nur für alle Fälle.

Zeichnung: Brigitte Pick

 

Copyright© Brigitte Pick 2002