Behörden-Bürde
 
23. September 2001

 

Ich war den Tränen nahe als ich ihn sah, diesen steinalten Mann, beladen mit gewaltigem Gepäck, Schweißperlen rannen von seiner Stirn, sein Rücken war gekrümmt.
Ich sprach ihn an, mitleidsvoll, und ein Leuchten trat in seine Augen. Wir setzten uns gemeinsam auf die grüne, vom Kreisamt gestiftete, marode Parkbank, wo ich ihn sein Elend klagen ließ.
Er befände sich, so erzählte er, in einem erbärmlichen Zustand. Sein Schrebergarten musste für ein Asylantenheim weichen, seine Tauben waren vergiftet worden und nun auch noch das. „Was?“, fragte ich.
„Nun“, meinte er, „ich habe mich beim Ordnungsamt um die Stelle der Parkaufsicht beworben und bin jetzt am Ende.“ „Warum?“, erkundigte ich mich.
„Tja“, sagte er, „am 30.Juni 2000 habe ich beim Ministerium den Antrag auf Genehmigung eines Esels für meine Traglast gestellt. Diesem Antrag wurde nicht entsprochen, da alles verfügbare Getier bereits planstellenmäßig auf die Ämter verteilt war.“
Ich wurde neugierig und fragte ihn weiter, was er denn wohl in seinen vielen „Säckeln“ mit sich schleppe. Daraufhin packte er aus.
Gespannt und zugleich bestürzt sah ich, was dieser alte Mann alles bei sich trug.
Eine kompakte batteriebetriebene Waage mit Digitalanzeige. Ein 40 cm langes, hölzernes Höhenmessgerät. Zwei stattliche Reisekoffer bestückt mit Fach-, Gesetzes- und Verordnungsbüchern.
Einen entzückten Blick warf ich, rein zufällig, auf eine bunte Bildergalerie. Offensichtlich ein Hundefreund, dachte ich, und weiter ging’s.
Zum Vorschein kamen diverse Schreibutensilien, ein Lesegerät, Pfefferspray-Ampullen, Elektroschocker, ein Funkgerät, eine sauber abgedruckte Rasseliste, Proviant, sowie ein robust gepolsterter, bräunlich-lederner Kampfanzug für alle Fälle.
„Oh je“, sagte ich, „Sie armer alter Mann, was macht das bloß für einen Sinn und wozu brauchen Sie das alles?“
"Ach, wissen Sie“, erwiderte er, „vor über 60 Jahren ist mir vergleichbares Zubehör aufgebürdet worden und die Fragen „Macht das Sinn“ und „Wozu?“ habe ich niemals gestellt“.  

Copyright© Brigitte Pick 2002